Ein Eimer voller Wahrheit

Es ist der letzte Tag im November 2024. Ich sitze in meinem kleinen Wohnzimmer in Tiruvanamalai und lausche dem unaufhörlichen Regen, der gegen die Fenster prasselt. Mein Cinammon-Tulsi-Tee schmeckt mit jedem Tag intensiver, den ich in Indien verbringe. Die letzten zwei Wochen waren... „interessant“. Ein schwacher Begriff, aber er scheint das Beste zu sein, was mir einfällt. Für einen Moment überlege ich, ChatGPT nach einem präziseren Wort zu fragen, doch der Gedanke zerfließt.

Heute Morgen wache ich spät auf. Eigentlich war ich schon früh wach, doch ich konnte nicht aufstehen. Ein altbekanntes Gefühl. Als Kind, und auch später als Erwachsene, war mein Bett stets mein Zufluchtsort – ebenso wie die heiße Dusche. Lange habe ich nicht verstanden, warum Schlafen und heißes Wasser für mich beinahe heilige Rituale sind. Vielleicht ist es das Gefühl von Geborgenheit, das sie mir schenken, oder die trügerische Illusion, die Welt für einen Moment ausblenden zu können.

Gestern habe ich meine Tage bekommen, viel zu früh, am 15. Tag meines Zyklus. Zuerst der Schock – habe ich etwa Verdorbenes gegessen? Doch dann, wie eine alte Freundin, spüre ich es: Mein Körper verlangt nach einer heißen Dusche. Ein fast ironisches Lächeln breitet sich in mir aus. Hier bin ich also, auf der anderen Seite der Welt, und mein Körper verlangt nach genau dem, was er immer verlangt hat – Wärme, Trost, eine kleine Erleichterung.

Ich gehe ins Badezimmer, drehe den Wasserhahn auf – doch es kommen nur ein paar Tropfen. Mein Körper zieht sich zusammen, als würde er sich vor der Welt verkriechen wollen. Es wird plötzlich dunkel und schwer in mir, die Luft bleibt mir fast weg. Ich sehe die Bluttropfen auf dem Boden und spüre den Schmerz. Doch dieser Schmerz, der mich durchzieht, kommt nicht aus meinem Unterleib – er geht viel tiefer. Er kommt aus meiner Seele.

Ich lasse alles zu. Ich lasse mich in diesen Moment sinken. In seiner Stille sehe ich mich selbst, ganz in meiner Verletzlichkeit. Die Dusche tropft weiter – heiße Tropfen, immerhin. Warum hat mich das bisher nicht gestört? Doch dann sehe ich ihn – den Eimer, der am Boden steht, neben einem kleinen Plastikbehälter. Ein flüchtiger Moment der Verwirrung. Und plötzlich ergibt alles einen Sinn. Warum habe ich es nicht schon früher erkannt? Ein Hauch von Ironie schleicht sich in meine Gedanken. Viele Jahre lang habe ich in der westlichen Welt über die Schlichtheit der „Bucket-Shower“ gelächelt, als wäre sie ein Überbleibsel aus längst vergangener Zeit. Und jetzt? Jetzt ist der Eimer mein bester Freund.

Ich lasse los. 37 Jahre – ich lasse los. Mein Leben, so wie ich es gekannt habe, existiert nicht mehr. Ein tiefes, ungefiltertes Gefühl der Traurigkeit überkommt mich, als wüsste ich, dass ich diese Version von mir selbst für immer verabschiede.

„Du brauchst neue Fähigkeiten für dein neues Leben“, denke ich. Aber die Worte klingen leer, hohl, als kämen sie aus einer anderen Welt. Ein seltsames Gefühl breitet sich in mir aus, als ich den Eimer ansehe und es endlich „klick“ macht. Es ist nicht nur der Knopf, den ich jetzt drücke – es ist der Moment, in dem mein Körper endlich begreift, dass er sich neu ausrichten kann.

Der Eimer füllt sich mit heißem Wasser. Mein Körper spürt es sofort, erkennt die Regulation, die auf mich zukommt. Ich atme ein, aber meine Kehle bleibt wie zugeschnürt. Meine Tränen fließen, schwerer als der Regen draußen, während der erste heiße Strahl Wasser mich trifft. Die Hitze brennt wie ein Neubeginn, als ob sie jede Zelle meines Körpers durchdringt und alles Alte hinausspült.

Und dann, mitten in diesem Moment, wird mir plötzlich etwas klar. Der Eimer – mein unerwarteter Lehrer – hat mich in eine Lektion eingeweiht, die ich nie für möglich gehalten hätte. Diese tropfende Dusche, dieses einfache, beinahe primitive Wassererlebnis, ist der Ort, an dem ich mich neu finde. Hier, mit diesem Eimer, erlebe ich einen radikalen Schnitt. Als hätte ich mich jahrelang mit falscher Wärme begnügt und wüsste jetzt, was wahre Hitze bedeutet. Diese Dusche ist kein Luxus – sie ist ein Erwachen.

In diesem Moment, als das Wasser mich umhüllt, fühle ich mich plötzlich vollkommen verlassen. Die Wärme ist nicht nur angenehm – sie ist quälend. Ich fühle mich von allem gleichzeitig gehalten und fallen gelassen. Die Dunkelheit in mir zieht sich zusammen, das Gefühl, dass etwas in mir zu Ende geht, etwas, das nie wiederkehren wird.

Ich schließe die Augen, und die Tränen laufen. Es ist keine Erlösung, keine einfache Geste der Befreiung. Es ist das Ende von etwas, das niemals wiederkehren wird. Das Ende eines Kapitels, das sich wie der letzte Atemzug der Nacht anfühlt. Und ich weiß, dass ich nicht nur loslasse – ich werde neu geboren. Aber was bleibt, wenn der Schmerz sich verflüchtigt? In einem Badezimmer, unter einem Eimer Wasser. Es ist merkwürdig – fast perfekt, und doch gleichzeitig völlig absurd.


Zurück
Zurück

Hunger, Sturm und die Kunst des Überlebens