Hunger, Sturm und die Kunst des Überlebens

Ich sitze im Dunkeln, während der Fengal-Zyklon draußen die Welt in eine tosend-feuchte Umarmung zieht. Kein Strom, kein Licht – und keine Mango weit und breit. Meine Freundin wurde bereits evakuiert, doch ich bleibe zurück, entschlossen, mein kleines, langsam versinkendes Reich zu verteidigen. Unter meinem Bett beginnt sich ein privates Hallenbad zu formen, das ich mit wachsendem Unbehagen betrachte, während ich mich frage, ob ich Schwimmflügel zur Hand hätte.

Noch am Morgen war mein größtes Problem, ob ich beim Einkaufen nicht den Nagellackentferner vergessen sollte – ein Luxus, den ich extra aus Europa nicht mitgebracht hatte. Klopapier? Auch so eine Überlegung. Mit einer Mischung aus Naivität und Trotz ignorierte ich den Wetterbericht, wie immer. Denn was ist schon ein Zyklon, wenn man einen Regencape hat?

„Minimalismus ist meine neue Lebensphilosophie“, hatte ich mir geschworen, nachdem ich in Berlin meinen Bioladen-artigen Vorrat aufgelöst hatte. Nur das Nötigste, immer nur für zwei, höchstens drei Tage. Eine Tugend, die mir bis vor kurzem fast heroisch vorkam.

Jetzt aber, in meinem zyklonalen Exil, klingt diese neue Disziplin wie ein schlechter Witz. Mein Vorrat? Haferflocken, Pasta und ein einsamer Löffel Honig, den ich heldenhaft vor einer Armee Ameisen verteidigt habe. Und die Mangoverkäuferinnen? Wahrscheinlich längst mit Rettungsbooten unterwegs.

Die Küche wirkt wie ein stillgelegter Tresor. Kein Obst, kein Süßes, kein Trost. Und ohne Strom lässt sich selbst die Pasta nicht in ein Festmahl verwandeln. Während ich über meine kindliche Unruhe nachdenke – meine Mutter erzählt gern, wie ich als Baby schreiend nach Essen verlangte – kehrt plötzlich der Strom zurück.

Plötzlich bin ich ein Wirbelwind in der Küche. Porridge: doppelte Portion. Nein, besser dreifach. Pasta: ab in den Topf, bevor der Strom wieder verschwindet. Mein Nervensystem arbeitet auf Hochtouren, aber ich schaffe es. Eine Portion Porridge später beruhigt sich mein Magen, während der Regen draußen mit neuer Kraft prasselt und der Strom sich erneut verabschiedet.

Da kommt sie wieder, diese vertraute Erinnerung: das kleine Kind, das schrie, weil der Teller leer war. Die Geschichten meiner Mutter, die immer wieder betonte, dass sie keine Milch hatte, als ich ein Baby war. Wie könnte sie auch? Im Überlebensmodus produziert man keine Milch. Und auch jetzt, merke ich, gibt es keinen Trost in meinen Vorräten.

Die Melancholie nimmt mich ein, und ich beschließe, meine Nachbarin zu besuchen. Vielleicht hat sie etwas, das den Pasta-Teller morgen bereichern könnte. Voller Hoffnung klopfe ich an ihre Tür. Eine ältere Dame öffnet, ihr Lächeln warm und einladend. Sie bittet mich herein, und für einen Moment beruhigt sich mein Herzschlag.

Im romantischen Licht meiner Stirnlampe teilen wir unsere Geschichten. Der Sturm, wie ihn diese Region Indiens noch nie erlebt hat, und mein Hunger treten in den Hintergrund. Sie erzählt mir, dass sie ihren Reis nicht mehr kochen konnte. Ich prahle ein wenig damit, dass ich es geschafft habe, meine Pasta vorzukochen. Sie lacht leise, neigt den Kopf ein wenig zur Seite und sagt mit unverkennbarem italienischen Charme: 

„It is a really good idea, but pasta is only good if you cook it fresh. “

Ihr Satz trifft mich mitten ins Herz, und ich muss schmunzeln. Natürlich hat sie recht. Pasta sollte frisch sein. Doch heute geht es nicht um kulinarische Genüsse, sondern schlicht darum, satt zu werden.


Und während ich dasitze, merke ich plötzlich, dass etwas in mir nachgibt. Für einen Moment bin ich nicht mehr das hungrige kleine Kind, das um Nahrung kämpft. Ich bin einfach da, gesättigt von Verbindung und Geschichten. Morgen werden wir sehen, ob der Zyklon uns verschont und ob die Pasta frisch oder kalt auf dem Tisch landet.

Egal wie: Es wird reichen.


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Ein Eimer voller Wahrheit